Alpaufzug

Bücher

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Nichts für Älpler

Jedes Jahr gibt es auf dem Buchmarkt mindestens ein Déjà-vu, dieses Jahr sieht es so aus: eine sympathische Frau mit Huhn auf dem Arm auf dem Titelbild und der Titel lautet «Auf der Alm. Vom Glück des einfachen Lebens». Es ist ein Buch, dessen Inhalt jede aus dem Stegreif erzählen kann, die mehrfach einen Sommer auf der Alp verbracht hat. In jeweils individuellen Varianten, die gleichen Erfahrungen: Wie das ist, Kühe in den Stall zu bugsieren, die da nicht reinwollen. Wie entspannend die Glocken, wie faszinierend die Geburt eines Kalbs, wie anstrengend die Arbeit, wie beglückend der Kaffee auf dem Bänkli und der Mittagsschlaf im Heu.

Also sprich: Es ist wirklich kein Buch für Älplerinnen. Aber es ist trotzdem ein Buch, das seine Berechtigung hat. Über was sonst soll man schreiben und lesen in einer Welt, die ausserhalb der Landwirtschaft grösstenteils völlig am Rad dreht. (Ach, ich vergass, in der Landwirtschaft ja ebenfalls.)

Die Fotos sind hart an der Kitschgrenze (manche in der Redaktion sagen auch: weit drüber), die Schilderung wenig überraschend und der Verlag tut bei der Vermarktung sein Übriges, um auch ja kein Klischee auszulassen.

Schön wäre gewesen: etwas mehr Kontroverse, ein bisschen mehr Kanten, ein bisschen weniger Komfortzone. Aber meine Güte, wer noch nie einen Sonnenuntergang hinterm Hüttli fotografiert hat, wer kleine Kinder mit Kälbern kein bitz süss findet, der schreibe eben selber ein Buch. So ein richtig nüchternes, trockenes, ironisches. Ob’s besser wird, ist eine noch offene Frage. (sd)

Julia Barbarino
Auf der Alm

Vom Glück des einfachen Lebens

Gebunden, 272 Seiten
Ludwig Verlag 2021
978-3-453-28137-0
www.penguinrandomhouse.de

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Antikitsch 2: Gnadenlos

Das Buch ist der Monolog des Bauern Paul, der im Jähzorn seine Frau Vulva schlägt, für die Kinder keine Namen hat, rundum gegen die Welt prügelt und manchmal Trost bei seinen Tieren findet. Kein schönes Buch. Alles wirkt beklemmend, brutal, kalt. Paul ist in sich gefangen, unfähig zu sprechen, zu kommunizieren, und hält hier seine 300-Seiten-Rede, schockierend ehrlich ohne einen Hauch von Verteidigung. Die Autorin zwingt uns, in Pauls verstörter Seele nach Menschlichkeit zu schaufeln, weil wir nicht wollen, dass es hier keine gibt. Und so sind wir schon froh, dass es Paul wenigstens mit den Tieren kann. Schwer verdaubar, kalter Schweiss unvermeidlich, ein grosses Stück Literatur. (gh)

Noëlle Revaz
Von wegen den Tieren

Gebunden, 312 Seiten
Urs Engeler, Schupfart 2004
ISBN 978-3-905591-81-1, CHF 33.00
www.engeler.de

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Ein Käsemärchen

Was passiert, wenn Frau Weibel käst? Es gibt Käse und eine Geschichte. Ein Märchen, entstanden im Flow der durch die Schmierhände flutschenden Mutschlis und kreisenden Käsebürsten. Vielleicht war auch ein klein bisschen Geist Ammoniaks mit dabei. Es geht summa summarum um den Ursprung des Käses – die Zeit bevor wir Menschen lernten, wie er zu machen ist. Und da ist die gwunderfitzige Johanna, die nicht aufhört zu fragen und spienzeln, woher der Käse kommt. Auf ihrer Forschungsreise begegnet Jo manch rundgereifter Weisheit und zuletzt ist sie nicht unschuldig, dass der Käse nicht von irgendwo, sondern durch unserer Hände Arbeit auf dem Tisch landet. gh

Cecile Weibel
Warum der Käse wie der Mond ausschaut

Eigenverlag 2020
Ungebunden, 40 Seiten

CHF 20.–
Bestellbar bei cecileweibel@gmx.ch

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Wenn die Rösti anbrennt

Soll man lesen oder kochen? Eine Frage, die sich ohne dieses Buch kaum stellt, damit aber schon. Denn die erste Hälfte ist voller Alpgeschichten, Tagebuchaufzeichnungen, Sagen, Fotos und persönlicher Gedanken des Älplers Martin Bienerth: zum Hüten in früherer und heutiger Zeit, zur Kuh unbedingt mit Horn, zur Milch, zur Butter, zum Käse, zum Ziger und dem Alpschwein als Veredelung von Schotte und missratenen Alpprodukten. Angenehm authentisch und älplerisch, da schreibt kein Alpfunktionär, kein Wissenschafter oder Journalist, da schreibt einer aus seinem selbsterlebten Alptag.

Im zweiten Teil folgen die Rezepte. Eine hübsch bebilderte Zusammenstellung einfacher Choscht. Solides Kochfundament bäuerlicher Küche mit ein paar kreativen Perlen. Insgesamt knapp 30 Zmittags mit 17 Suppen und 22 Desserts, das sollte für einen Sommer frei von Gaumenlangeweile reichen. gh

Martin Bienerth:
Alpechuchi


Fona Verlag, Lenzburg 2010
ISBN 978-3-03780-420-9
CHF 34.90
www.fona.ch

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Von sehr viel Bergromantik und ein paar unschönen Dingen

In ihrem Buch «Bergsommer» erzählt die Kölnerin Katharina Afflerbach von ihrem Ausstieg. Raus aus der Grossstadt – hoch auf die Alp. Sie lernt unter anderem Arbeiten wie Zäunen, Melken oder wie man Rinder unfallfrei in einen Stall bindet. Sie wächst körperlich und mental über sich hinaus und knüpft mit der Älplerfamilie eine innige Freundschaft. Afflerbach gelingt es, ihre Geschichte äussert poetisch zu Papier zu bringen, mit allem, was der Leser gerne lesen möchte, und bedient sich nicht wenig am Klischee der Alpromantik. Die Aussteigerin erlebt auf der Alp sehr viel Schönes, nur wenig Unschönes, und falls doch, funkelt immer noch der Sternenhimmel. So wirkt das Buch mehr wie ein verträumter Roman als eine Biografie und passt daher bestens in die eher sentimental angehauchte Buchreihe «Sehnsuchtsorte» vom Verlag Eden Books. vh

Katharina Afflerbach:
Bergsommer

Wie mir das Leben in den Alpen Kraft und Klarheit schenkte

Kartoniert, 256 Seiten
Eden Books / Edel Germany GmbH 2019
ISBN 978-3-95910-210-0
CHF 25.–
www.edenbooks.de

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Die Sache mit dem Wolf

Das dünkt mich keine Alpensage, eher ein Gschichtli, wenn nicht ein pädagogisches Märli, das Krohn seiner Tochter vorliest und uns als schmuckes Büchlein präsentiert. Das Abenteuer eines Mädchens, welches recht selbstbewusst durchs Leben füsselt und mit Hilfe eines Wolfes in eine Berggrotte springt, in der Hoffnung, das Wasser des Lebens zu finden, um ihre Grossmutter vor dem Tod zu bewahren. Es kommen zudem vor: Ziegen, ein dummer Junge, eine beste Freundin, ein schlauer Pfarrer, sich sorgende Eltern, eine Katze, zwei Herren mit Bagger und ein Happy End. Das Geschehen findet im schönen Berggebiet statt und ist reichlich mit Klischees befrachtet: arme Bauern, gefrässige Unternehmer, weise Grossmutter usw. Aber was am meisten stört, um nicht zu sagen, ärgert: die Mystifizierung des Wolfes. Wie schon beim Film Schellen-Ursli, wo der Wolf den Ursli aus dem Schnee rettet, fungiert hier der Wolf als Pförtner in eine heilsbringende Welt, wo beinah ewiges Leben herrscht. Echt, dieser Wolf tut einem leid: Musste er früher die Grossmutter fressen, muss er sie heute vor dem Tod retten – wie dumm ist das denn. Lasst den Wolf mal einfach Tier sein. gh

Tim Krohn:
Der See der Seelen

Alpensage

Gebunden, 96 Seiten
Kampa Verlag 2019
ISBN 978-3-311-21009-2
CHF 21.50
www.kampaverlag.ch

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Über 70 Jahre lang

Wie lebt es sich mit störrischem Geist, wenn rundherum die Welt sich ändert? Siebzehnjährig steigt Mare Wiesbeck, Bauerntochter aus dem bayrischen Samerberg, 1941 auf die Oberkaseralm am Geigelstein. Dort bleibt sie, sommers wie winters, bis der Tod sie holt, über 70 Jahre lang. Es mag ihr zeitweise langweilig gewesen sein, das Buch ist es nicht.

Es ist Krieg, Deserteure und Juden flüchten über den Geigelstein, Ende Krieg sind es die Nazis. Harte Jahre des Hungers und der menschlichen Tragödien. In den Wirtschaftsjahren wird die Kaseralm durch Strassen erschlossen, reiche Bayern bauen sich Ferienhäuser, es wird über eine Skiarena diskutiert. Fröhliche Sommer für die Sennerin, die beliebt ist bei den Gästen. Aber der ihr nahestehende Berggeist wird arg gebeutelt. Biker, Paraglider, Wanderer sprenkeln die Alpweiden, landgierige Bauern wollen ihr an Alm und Boden. Mare schaut dem Leben der anderen zu, ohne Groll und Neid, aber hineinpassen tut sie nirgends. Im Alter kommen Sozialdienste, die sagen wollen, wie Mare zu leben hat. Vom Geigelstein vertreiben lässt sie sich jedoch nicht. An Menschen, die so konsequent und starrköpfig ihren Weg gehen, mangelt es. gh

Christiane Tramitz:
Harte Tage, gute Jahre

Die Sennerin vom Geigelstein

Taschenbuch, 272 Seiten
Knaur Verlag 2019
ISBN: 978-3-426-78933-9
CHF 14.50
www.droemer-knaur.de

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Bärgsummer neu aufgelegt

Alptagebücher: Es gibt so viele davon. Selbstherrlich berichten viele Alpneulinge und Erlebnisälplerinnen von ihren heldenhaften Stunden Arbeit, stolz über die ersten schönen Käselaibe, schimpfen über uneinsichtigen Besuch und schlechtes Wetter.
Die Erzählungen von Vreni Müllener setzen dem die Souveränität, Bodenständigkeit und das Gottesvertrauen einer wahrhaften Bäuerin entgegen. Sie schildert unaufgeregt und in einer soliden Sprache, die hin und wieder Dialektmümpfeli bereithält, wie es im Alltag auf dem Mittelberg zu- und hergeht. Durch liebevolle Beschreibungen und bunte Fotos lernt man die Enkelinnen und die Familie von Alfred und Vreni, den Stubentiger Willy, aber auch eine ganze Schar «Statterkinder» kennen, die am Alpleben teilhaben und mitlernen können. Die Geschichten umfassen insgesamt sechs Bergsommer und schaffen so eine Vertrautheit mit den Personen und der Alp, die 35 Kühe und einige Ziegen umfasst.
Wer neugierig geworden ist, kann bei www.alpgeschichten.ch reinschauen. Auch dort veröffentlicht Vreni Müllener Geschichten, Einblicke und Bilder vom Mittelberg. ln

Vreni Müllener:
«Bärgsummer» im Saanenland

6 Jahre Alpgeschichten

160 Seiten, gebunden
Müller Medien AG 2018
ISBN 978-3-907041-72-7
CHF 34.00
www.mmedien.ch

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Und über allem klebt das Leid

Neun Geschwister, die Mutter tot, der Vater überfordert, das Portemonnaie leer, ein Bauernhof voller Arbeit – so beginnen die Erinnerungen der Gertrud Gasser. Was folgt, sind aneinandergereihte Schicksalsschläge, die sich wie die Perlen an der Gebetskette eines Rosenkranzes durch das Leben ziehen. Das verlangt nach Geduld, Demut und möglicherweise Gottvertrauen. Nicht ganz alles geht schief: Gertrud findet einen Mann, sie gehen auf die Alp, bekommen Kinder. Gerade bei den Schilderungen der Alperlebnisse leuchtet ein kleiner Funken Glück und Frieden auf. Zuweilen wird es sogar lustig, wenn zum Beispiel eine Kuh die Zeitung einer Touristin verschlingt oder das Kaninchen als blinder Passagier auf dem Autochassis von der Alp über Bern und Biel bis nach Hause mitfährt. Doch wer im Karma der Lebensprüfungen zappelt, für den hält das Schicksal immer noch einen weiteren Schlag bereit. Der Klang des Leids zieht sich wie eine klebrige Masse durch das ganze Buch. Als Lesender möchte man der Älplerfamilie zurufen: Lest weniger in der Bibel, vertraut mehr auf die eigenen Fähigkeiten, trickst das Schicksal aus. gh

Gertrud Gasser:
Heimatlose Älplerfamilie

gebunden, 152 Seiten mit Farbseiten
Mosaicstones, Thun 2018
ISBN 978-3-906959-31-3
CHF 26.80
www.mosaicstones.ch

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In den Bergen

Begibt man sich mit Paolo Cognetti im ersten Teil des Romans auf die Reise in die Kindheit, lässt sich durchaus nachvollziehen, dass er dafür mit dem renommierten Buchpreis Premio Strega ausgezeichnet wurde. Seine Erinnerungen an die Sommermonate in einem abgelegenen, vom Zerfall geprägten Bergdorf im Aostatal sind eine sehr berührende Annäherung an die wilde und karge alpine Landschaft am Fusse des Monte-Rosa-Massives, aber auch an die eigene Familiengeschichte und vor allem an die Freundschaft zwischen Pietro,dem schüchternen Knaben aus Mailand, und Bruno, der bereits als Junge im Dorf die Kühe hüten und später auf der Alp seines Onkels mithelfen muss.

Überzeugt der erste Teil durchwegs, so hinterlässt der Roman in der Folge einen eher schalen Geschmack. Die Freundschaft zwischen den Männern bleibt eigenartig spröde, wohl nicht zuletzt, weil die Figur von Bruno, der zutiefst mit seiner Heimat und ihren Bergen verbunden ist, zu offensichtlich ein arg konstruiertes Alter Ego von Pietro darstellt. Wenn der Autor Bruno, ohne dass dieser über einen Talbetrieb verfügen würde, die verlassene Alp seines Onkels wieder herrichten und 28 Kühe kaufen lässt, um diese von Hand zu melken – «Etwas anderes kam für ihn bei diesen empfindlichen Tieren nicht infrage [...]» (S. 184) –, dann ist das nur eine von allzu vielen Stellen, bei denen offensichtlich die Sehnsucht einer urbanen Gesellschaft nach einem archaischen und naturverbundenen Leben bedient wird; wohl auch ein wesentlicher Grund für den Erfolg des Romans. Da wirkt es geradezu wohltuend authentisch, wenn das Alp-Projekt nach wenigen Jahren an seiner Frau scheitert, da sie von der Plackerei und den Schulden genug hat und mit dem gemeinsamen Kind zu ihren Eltern zieht, auch wenn das in der Konsequenz dazu führt, dass sich Bruno sprichwörtlich für immer in seine Berge zurückzieht. an

Paolo Cognetti:
Acht Berge

gebunden, 256 Seiten
DVA, München 2017
ISBN 978-3-421-04778-6
CHF 29.90
www.randomhouse.de

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