Bücher

Falätscha

Recht und Gerechtigkeit

1988 wird auf der Alp Falätscha im Safiental der Zusenn mit einer Mistgabel erstochen. Das Alpteam verbuddelt die Leiche, das Tal schweigt. 28 Jahre später schaufelt die Polizei aufgrund einer Aussage die Knochen wieder aus. Was ist an jenem Tag geschehen?
Die Kommissare Calonder und Rauch aus Chur bringen mit ihrer Ermittlung Aufruhr in die verschworene Talgemeinschaft – sie würde die Vergangenheit lieber ruhen lassen. Der Fall schraubt sich in vielen Verhörgesprächen nur zäh Richtung Aufklärung. Nebst dieser geht es aber vor allem um die grossen Themen der Schuld, der Verschwiegenheit zum Schutz der eigenen Familie und wie weit das Recht zur Gerechtigkeit führen kann. Was sich wie eine rote Strohballenschnur durch die Geschichte zieht: Richtig leicht nimmt hier keiner das Leben – ausgenommen vielleicht die Kellnerin im Restaurant Turrahus.
Der Autor verliert auf den 650 Seiten nie den Respekt gegenüber der bäuerlichen Gesellschaft, er lässt sich Zeit, seine Charaktere fein zu ziselieren. Dabei geraten sie nicht – wie häufig bei modernen SchriftstellerInnen – dumb und hinterwäldlerisch. Das ist ihm hoch anzurechnen. (gh)

Stefan Gartmann
Falätscha
Vom Schweigen in den Bergen

Gebunden, 650 Seiten
bilgerverlag 2026
978-3-03762-117-2
www.bilgerverlag.ch

Über Freundschaft

Jonas und Galel sind Bergführer, Paul ist Hüttenwart. Jeden Sommer treffen sie sich wieder auf Pauls Hütte, Jonas und Galel führen ihre Wandergruppen dorthin. Es gibt selbstgebackenes Brot und Wein am Feuer, die drei Freunde lachen und schweigen. An diesen Abenden geht um das Wesentliche, auch wenn nie über das Wesentliche gesprochen wird. Was sie verbindet, ist die Liebe zu diesen Bergen, zum Obensein, zum Bergsteigen. Im Winter, wenn Jonas, Galel und Paul im Tal sind, sehen sie sich nicht, ihre Freundschaft beschränkt sich auf die Sommersaison. Als sich einer von ihnen verletzt, wirft das existenzielle Fragen über Freundschaft, Lebenssinn und Sprachlosigkeit auf. Fanny Desarzens «Berghütte» kommt manchmal sehr literarisch gewollt und blumig daher, macht uns aber bewusst, wie dankbar wir unseren Körpern sein dürfen, dass sie uns den Zugang zum Älplern nicht verwehren. Denn dass es einmal anders ist, kann schnell gehen. (aw)

Fanny Desarzens
Berghütte

Taschenbuch, 144 Seiten
Kampa Verlag 2025
978-3-311-15099-2
www.kampaverlag.ch

Weiche Butter, raue Hände

Süsses ist eine echte Rarität

Etwas unbedarft verdingt sich Francesco Gubert als Senn auf eine Alp im Valsugana, ein Tal im Südosten des Trentino. Mit der Milch von 100 Kühen soll er hiesigen Alpkäse produzieren – eine Herausforderung, die ihm schwer auf der Seele lastet, hat er doch bloss einen einzigen Alpsommer im Berner Oberland als Erfahrung im Gepäck. Ein ruppiger Alpmeister, unfreundliche Bauern, ein rebellischer Hirte in den Flegeljahren, Zoff mit der Nachbarhirtin, die Anspannung, ob der Käse gelingt – das alles zerrt an Francescos Kräften, raffelt an seiner Psyche, bis die Situation eskaliert. Der Autor möchte der allgemeinen Alpenidylle mit seinem Tagebuchbericht etwas entgegensetzen: «diese verflixte Schwelle überschreiten, die die Welt da draussen von dem trennt, was dort drinnen in der Käserei passiert». Das gelingt ihm recht gut. Weniger gelungen ist die Übersetzung aus dem Italienischen ins Deutsche: Da hat der Käse eine «Kruste», der Bruch im Kessi «köchelt», die Butter wird «abgespült» und der junge Käse eignet sich hervorragend zum «Grillen». (gh)

Francesco Gubert
Weiche Butter, raue Hände
Tagebuch einer Almsaison

Taschenbuch, 144 Seiten
Edition Raetia, Bozen 2025
978-88-7283-972-0
www.raetia.com

Willkommen im Tal der Tränen

Das Leben ist eine Rinderherde

Das Buch der Literatin und Hirtin Noëmi Lerch (*1987) holt mich schon mit dem Einband aus grauem, rauem Leinen haptisch sofort ab. Das Covermotiv des Künstlerduos Walter Wolff, gekratzt in schwarzen Druck, würde ich mir auch als Tattoo stechen lassen (www.walterwolff.ch/tattoos).
Während Lerch jeweils auf der rechten Buchseite die Geschichte des Alpsommers von Zoppo, Tuinar und Lombard erzählt, ist die linke Seite schwarz. Darauf weisse Skizzen, die dem Text zur Seite stehen. Sie metamorphisieren durch das Buch wie ein Schwarm Stare am Himmel.
Der Text ist ein Kondensat. Die Autorin lässt die Dinge sprechen, die Landschaften und Tiere. Den Polentatopf, die weite Grasebene, die tote Lieblingskuh. Nur wenige Sätze fallen zwischen den Männern und dem Hund. Die Geschichte steht zwischen den Zeilen und hinter den Bildern. Platz fürs eigene Kopfkino!
Immer wieder mag ich das Buch anfassen und aufschlagen, über Sätze sinnieren und Neues in den Skizzen entdecken. Einfach schön. (js)

Noëmi Lerch
Willkommen im Tal der Tränen
Illustrationen von Walter Wolff

Gebunden im Leinenumschlag
288 Seiten
Verlag Die Brotsuppe, Biel 2019
978-3-03867-015-5
www.diebrotsuppe.ch

Lou, Philosoph der Tiere (und Menschen)

Einer mit Hausverstand

Der Südtiroler Lou Blaas ist ein eindrücklicher Mensch. Wer ihn leibhaftig trifft, dem bleibt er haften. Zusammen mit der Journalistin Christine Losso hat er über sein Leben ein Buch gemacht, er erzählt, sie schreibt auf. In jungen Jahren gemobbt und erniedrigt, erkämpft sich Lou entlang von Schicksalsschlägen und Glückstätscheln ein kräftiges Selbstvertrauen. Insbesondere die Verbundenheit mit Tier und Natur helfen ihm dabei – und vielleicht die dreissig Alpsommer auf der Fürstenalp im Bündnerland. Von der Alp erfährt man im Buch jedoch nicht viel, im Zentrum steht seine Biografie und seine Arbeit mit Hunden. Zu Hunden hat Lou ein feines Gespür und wahrscheinlich fliesst bei ihm etwas Wolfsblut durch die Adern. Das Buch erzählt nicht wenige Geschichten, in denen er leidende Hunde vor ihren psychotischen HalterInnen rettet. Lous Biografie kann man aber auch als Ratgeber von einem mit Hausverstand lesen, Lebensweisheiten gibt es genügend. gh

Christine Losso
Lou, Philosoph der Tiere (und Menschen)
Wie der kleine Lorenz zum Lou wurde

Taschenbuch, 280 Seiten
Epubli, Berlin 2024
ISBN 978-3-8187-1168-9

www.lou-blaas.com

Engadinerinnen, Angelika Overath

Frauenleben im Engadin

Angelika Overath erzählt in ihrem Buch «Engadinerinnen» die Lebensgeschichten von 18 «ganz normalen» Frauen aus dem Hochtal: von der Weberin bis zur Ärztin, von jung bis alt, von einheimisch bis zugezogen. Mit diesem Buch geht die Autorin auf die Suche nach dem Ursprung der Stärke, die die Engadiner Frauen für sie ausstrahlen, und rückt dabei auch die oft unsichtbare Arbeit von Frauen in den Vordergrund. Wie das Leben eben spielt, sind auch die Geschichten sehr unterschiedlich. Sie führen die Leser:innen in andere Länder und auf andere Kontinente und enden schliesslich alle in der Berglandschaft des Engadins. Die sehr kurz gehaltenen Porträts der einzelnen Frauen kratzen leider nur an der Oberfläche der Lebensgeschichten und bleiben – weil reduziert auf wenige Seiten – etwas flach. Schade. mn

Angelika Overath
Engadinerinnen
Frauenleben in einem hohen Tal

Gebunden, 200 Seiten, 36 Fotografien
Limmat Verlag, Zürich 2024
ISBN 978-3-03926-067-6

www.limmatverlag.ch

Von hier und dort

Schön! Endlich ein Buch des Hirten, Weinbauern und Lehrers Blaise Hofmann auf Deutsch. In der Romandie wurde er durch sein Buch «Estive» bekannt, eine scharfsinnige Auseinandersetzung mit dem Beruf des Schafhirten. Im aktuellen Buch ranken seine Gedanken um die Unvereinbarkeit von BäuerInnen und StädterInnen. In Notizen, Gesprächen und geschichtlichen Rückblicken versucht Hofmann zu verstehen, wieso die Verständigung von hier und dort so schwierig ist. Dabei ist er kaum anklagend, dafür oft ironisch, manchmal etwas ratlos – für uns Leser­Innen ist das unterhaltend, erhellend und wir lernen, dass Klischees nicht einfach überwunden werden können. Zu einem «guten» Ende kommt es im Buch natürlich nicht, dafür wären wir aus der Stadt und vom Land verantwortlich. (gh)

Blaise Hofmann
Die Kuh im Dorf lassen
oder die Herausforderungen einer nach­haltigen Landwirtschaft in der Schweiz

Taschenbuch, 188 Seiten
Atlantis Literatur, Zürich 2024
978-3-7152-5037-3, CHF 24.90

www.atlantisliteratur.ch

Rasant und explosiv

Es gibt Bücher, die reissen einen weg aus den Gedanken an geblähten Käse, weg vom Groll im Team, weg von den Beigen ungespaltener Holzklafter, weg von Moderhinke und Lippengrind, hin an einen Ort, den man bis zur letzten Seite nicht verlassen will. Augstburgers Bücher sind so, in seinen Bergromanen verwebt er unversöhnliche Familiendramen, politische Intrigen, aktuelle gesellschaftliche Konflikte und tragische Liebesgeschichten zu Spinnennetzen, in denen man strampelnd hängen bleibt.
Nicht anders im «Tal der Schmetterlinge»: Die Explosion eines Munitionsdepots der Armee zerstört 1950 das Bergdorf Althäusern. Das Dorf wurde wieder aufgebaut, doch auch siebzig Jahre später lauern noch Geheimnisse und Granaten in den Grüften. Dem allem kommt die Wissenschaftlerin Meret Sager – unterwegs im Auftrag eines unbekannten Investors, bei Althäusern ein energieautarkes Dorf zu planen – allmählich auf die Schliche. Nebenbei wird eine leidenschaftliche Jugendliebe ausgerollt, es verenden Hunderte von Forellen, Corona blinkt zuweilen auf und eine Alp stürzt ab. Rasantes Kopfkino. (gh)

Urs Augstburger
Das Tal der Schmetterlinge

Hardcover, 384 Seiten mit Lesebändchen
Bilgerverlag, Zürich 2023
978-3-03762-103-5, CHF 36.00

www.bilgerverlag.ch

Unten im Tal, Paolo Cognetti

Unten im Tal

Obwohl «Unten im Tal» mit nur 144 Buchseiten vergleichsweise kurz daherkommt, tauchen wir umso tiefer ein. Es geht um ein ungleiches Brüderpaar. Luigi ist Dorfpolizist, Dagebliebener, hat einen festen Platz in der Dorfgemeinschaft und wird bald Vater. Fredo ist nach Kanada ausgewandert, reist als Holzer und Trucker der Arbeit hinterher und ist stark alkoholkrank. Beide treffen wieder zusammen, als nach dem Versterben ihres Vaters die Erbschaft geklärt werden soll: das Haus ihrer Kindheit, ein altes Haus hoch oben in den Wäldern von Fontana Fredda, einem Weiler in den Bergen des Piemont. Eigentlich aber geht es um all das, was nicht romantisiert werden kann: um Arbeitslosigkeit, Schweigen, Neid, Naturgewalt, Alkoholsucht, Tristesse, leere Dörfer in der Nebensaison, Abwanderung und den Bau eines Skigebiets – mitten durch Wälder, die Jahrhunderte alt sind. Ein wunderbares Buch, schlicht, rau und sprachgewaltig. (aw)

Paolo Cognetti
Unten im Tal

Gebunden, 144 Seiten
Penguin Verlag, Basel 2023
ISBN 978-3-328-60364-1

www.penguin.de

Granitschädel und Luchstatzen

In den Berner Oberländer Bergtälern werden erbitterte Fehden ausgetragen, die quer durch ganze Dörfer, Sippschaften, Familien gehen. Jäger und Schafhalter gegen Naturschützer und Stadtromantiker stehen als Prototypen für die verfeindeten Lager. Ein Wilderer schickt die vier abgehackten, blutigen Pfoten eines Luchses ans zuständige Bundesamt. Die Boulevardmedien heizen die Stimmung an. Julius Leen, dreadlockstragender Zivi im Luchsprojekt, gerät zwischen sämtliche Fronten. Nicht nur die Stumpen der Granitschädel rauchen. Eine unheilvolle Bierwette führt zu einem Wettjagen.
Haudegen, Linke und Nette, gewilderte Luchse und Wissenschaftler begegnen sich in der Beiz und am Berg, werden von konträren Ideologien und Lebensformen gelenkt und bilden damit einen spannenden Stoff zu dieser vielseitigen, erhellenden und anheimelnden Geschichte über die wiederangesiedelten Luchse in der Schweiz. (gh)

Urs Mannhart
Luchs

Hardcover mit Lesebändchen
komplett revidierte Ausgabe 2023
Bilgerverlag, Zürich
978-3-03762-106-6, CHF 35.90

www.bilgerverlag.ch

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