Wie viel Kitsch darf es sein?

Auf die letztjährige zalp zum Thema «Kitsch» hat uns der langjährige Älpler und Kulturökologe Gereon Janzing seine ganz persönlichen Gedanken geschickt. «Wo ein Regenbogen ist, ist oder war meist Regen.»

 
Hallo ihr!
 
Sicher habt ihr alle schon Situationen erlebt, die man in der Außensicht verkitschen kann. Ich lebe und arbeite immer wieder in einer Welt, die sehr viel für Kitsch und dessen Kommerzialisierung herhalten muss, während sich manche Außenstehende erbosen, wenn sie überrascht feststellen, dass bei uns doch nicht alles nur heile Welt ist. Diese Verkitschung hat schon Todesopfer gefordert. Wenn man Glück hat, hat man noch eine Haarfarbe, die viel für Kitsch missbraucht wird.

Zuerst abseits des Berufslebens: Wir liegen zu zweit am Strand in einer ansonsten verlassenen Bucht am Mittelmeer. Genau an der Stelle, an der sich die Bucht öffnet, geht die feuerrote Sonne unter. Und vor der untergehenden Sonne zieht ein Segelschiff dahin. Neben mir liegt eine großartige, wunderschöne Frau, deren schöne Augen mir auf Anhieb aufgefallen waren, als wir uns erstmals auf dem Acker begegnet waren.

Klingt das nicht nach einer kitschigen Beschreibung aus einem Schundroman? Wenn ein Maler die rote Sonne mit einem Segelschiff davor malt, ist das Kitsch pur. Aber ich muss euch enttäuschen, so war es wirklich. Zum Kitsch gehören auch noch blonde Haare, nicht wahr? Die Frau neben mir hat keine blonden Haare. Aber ich habe blonde Haare. Bin ich damit prädestiniert für Kitsch? Da kann die Frau an meiner Seite lieber rote, braune, schwarze oder – am wenigsten für Kitsch geeignet – graue Haare haben. Für einen Kitschfilm hätten wir wahrscheinlich beide zu große Nasen. Aber mir gefällt meine Nase, und der Frau mache ich sowieso andauernd Komplimente, auch für ihre schöne Nase. Stopp, lange her.

Szenenwechsel: Ich sitze in den Bergen mit meinen blonden Haaren und hundert Ziegen. Beim Blick ins Tal sehe ich einen Regenbogen. Kurz darauf erscheint ein zweiter Regenbogen mit umgekehrter Reihenfolge der Farben. Ein Regenbogen wird in manchen andinen Kulturen als böses Vorzeichen verstanden. Bei uns in Mitteleuropa ist er allgemein positiv belegt und dient bisweilen für Kitsch. Dass es genau hundert Ziegen sind und nicht siebenundneunzig oder hundertzwei, klingt auch, wenn nicht kitschig, so doch zumindest märchenhaft, ist aber real.

Wo ein Regenbogen ist, ist oder war meist Regen. Selbstverständlich hüte ich die Ziegen auch im Regen. Zugegeben, es ist insgesamt ein sehr trockener Sommer. Das ist für mich angenehm. Meinen blonden Haaren tut die Bergsonne gut. Aber für das Wachstum der Weide ist der fehlende Regen gar nicht gut. Stopp, lange her.

Touristen, die auf die Alp kommen, schwärmen oft, wie schön man es da oben hat. Manche Alpleute mögen das gar nicht mehr hören. Denn da fehlt die Anerkennung für Arbeit und Idealismus. Die Schönheit ist nicht gottgegeben. Darum geht es in meinem nächsten Buch.

Zweifellos, wir haben es schön auf der Alp. Schließlich ist die Schönheit von uns geschaffen. Die Alp hat viele Aspekte, die den Touristen meist verborgen bleiben. Bevor mir ein boshafter Mensch unterstellt, ich hätte etwas gegen Touristen, schiebe ich ein, dass ich selber auch an vielen Orten Tourist war und vieles nur aus der Außensicht kenne. So habe ich Verständnis, dass viele Menschen die Alpwirtschaft nur aus der Außensicht kennen.

Was die Touristen meist nicht wahrnehmen, sind verregnete Tage, wo wir bis auf die Haut durchnässt die Tiere in den Stall treiben und das Blond meiner Haare kaum noch zu sehen ist. Was sie nicht sehen, sind abgestürzte Kälber, Streitigkeiten im Team, kranke Ziegen, Fehlgeburten, von Fuchs oder Habicht gerissene Hühner, geblähte Käse, Mäuse im Käsekeller, eine streikende Melkmaschine, 14-Stunden-Arbeitstage.

Nicht zu vergessen die prekäre wirtschaftliche Situation der Landwirtschaft im Allgemeinen und der Alpwirtschaft im Speziellen.

Und auch das kommt vor: Ich bin mit einem Pärchen zur Alp. Die Frau, deren von Verbitterung und Humorlosigkeit geprägtes Gesicht nicht gerade ein Blickfang ist, sagt zu mir: «Wir sind ein offenes Paar», in einem fordernden Ton, der eine klare Botschaft enthält. Sie schläft schlecht, weil ich kein Interesse an ihr zeige. Ich kann ihr nicht ausweichen, sondern muss täglich ihre schlechte Laune und ihr aggressives Keifen nach Aufmerksamkeit ertragen. Für sie besteht die heile Welt offenbar in ihrem Wahn, sie könne jeden Mann erobern. Muss ich ihre kitschigen Träume erfüllen? Nein, dafür bin ich entschieden zu wertvoll. Nicht weil ich blond bin, sondern weil ich ich bin.

Dass das Leben eines jungen Mannes beim Zaunbau auf der Alp durch einen Blitzschlag ein jähes Ende fand, kam auch schon vor. Da hatte die Ziegenhirtin, die sich gleich am ersten Arbeitstag ein Bein brach, ein harmloseres Missgeschick.

Dass beim Mähen von Brennnesseln mit der Motorsense Raupen vom Kleinen Fuchs ums Leben kommen, kann passieren. Wir schaffen Ökosysteme. Und da sterben auch mal Tiere. Wo es keine Tiere gibt, sterben auch keine.

Manche Träumer sind erbost, wenn sie feststellen, dass ihr Kitschbild von der Landwirtschaft als Ponyhof nicht der Wirklichkeit entspricht. Sie erfahren eines Tages, dass zur Milchwirtschaft auch das Schlachten gehört und dass die Jungtiere meist von ihren Müttern getrennt werden. Dann erzählen sie aller Welt davon, ganz so als wären sie investigative Journalisten und hätten eine weltbewegende Neuigkeit entdeckt. Auf YouTube empfahl mir eine Nutzerin ein Video, mit dem ich mich informieren sollte, wie es in der Milchproduktion zugeht. Genau, ich brauche unbedingt ein Video, um zu sehen, dass ihre früheren Kitschvorstellungen nicht zutreffen.

Die kitschig heile Welt erwarten sie aber nur bei uns Nahrungserzeugern, sonst nirgends, und sie beschimpfen uns, weil wir ihnen diese Märchenwelt nicht bieten. Warum tun sie nicht selber etwas für eine heile Welt, statt sie von uns zu fordern? Milcherzeugung fordert mehr als nur, die Tiere zu streicheln. Wieso ist das eine Neuigkeit, mit deren Entdeckung man sich brüsten kann?

Das Kitschbild kann sogar lebensgefährlich sein. Denn wer die Alp für einen Streichelzoo hält, geht über Mutterkuhweiden, streichelt selbstsüchtig die Kälber und wundert sich, dass die Kühe angreifen. Wenn ein respektloser Mensch dabei umkommt, werden nicht die Unternehmen schuldig gesprochen, die das kitschige Bild von der Alpwirtschaft verbreiten und damit falsche Erwartungen wecken, sondern die Bauern, weil ihre Kühe einen natürlichen Beschützerinstinkt haben, statt sich ans Kitschbild zu halten.

Nein, die Aufgabe eines Hirten ist nicht, die kitschigen Träume naturentfremdeter Städter zu befriedigen. Dazu gibt es Beamte: In einem sterilen Büro im elften Stock werden garantiert keine Zicklein geschlachtet und keine Raupen mit der Motorsense getötet. Und dort wird man auch nicht von Mutterkühen angegriffen, wenn man sich daneben benimmt.

Dennoch ist die Welt auf der Alp heiler als manch andere Welt. Auf jeden Fall viel heiler als die Welt all ihrer Kritiker. Wer die Hirten nicht ehrt, lebt verkehrt. Wer das Weidefleisch nicht ehrt, ist den Schmetterling nicht wert. Mehr dazu demnächst in meinem Buch.

Ja, es gibt sie, die genussvollen Momente mit der friedlich grasenden Herde in der wunderschönen Alpennatur, zwischen bunten Blumen, deren Existenz wir der Landschaftspflege durch weidende Nutztiere verdanken. Es gibt sie, die Tiere, die zum blonden Hirten oder zur rothaarigen Hirtin kommen, ihn oder sie ablecken und gestreichelt werden wollen. Es gibt sie, die Begegnungen mit Gämsen, Steinböcken und Murmeltieren. Es gibt sie, die Mahlzeiten, wo man als Team vor der Hütte sitzt, fröhlich scherzt und Milch und Käse von den eigenen Tieren genießt. Es gibt sie, die Bauersleute, die einem eine Tafel Schoggi oder Fleisch von eigenen Tieren vorbeibringen. Es gibt sie, die Abende, wo man nach einem erfüllten Tag genussvoll ein Bier trinkt und dann zufrieden mit sich und der Welt ins Bett fällt.

Das alles ist kein Kitsch, es ist Realität. Der Kitsch beginnt da, wo die Alp einseitig zur „vie en rose“ wird. Vor allem bei Geschäftsleuten, die mit dem Verkitschen unserer Arbeit mehr Geld verdienen als wir mit der ehrlichen Arbeit. Im kapitalistischen System sind nur Lügen lukrativ. Ich weiß nicht, wie viele Millionen die widerlich kitschige Verfilmung des «Schellenursli» umgesetzt hat.

Es gibt auch unter Alpleuten unterschiedliche Wahrnehmungen. Manche empfinden das Alpleben als Askese. Das sind meist Menschen, die sich überfordert fühlen und es nie wieder machen. Zumindest haben sie gelernt und sehen es nicht mehr verklärt. Andere empfinden die Alp als Reichtum, als ihre Heimat, als ihr Leben.

Viele Menschen tun so, als würden sie uns um das Leben auf der Alp beneiden. Warum probieren sie nicht selber mal aus, ob sie dazu fähig sind? Ich kann mich des Verdachts nicht erwehren, dass sie Angst haben, ihren Traum von der heilen Welt zu verlieren. Und den möchten sie doch gerne behalten. Ebenso wie die Makrobiotiker, die die lokale Nahrungstradition Ostasiens als Vorbild verkitschen, aber ein Übersiedeln nach Ostasien um jeden Preis vermeiden, um nicht ihren Traum von einer besseren Menschheit in der Ferne zu verlieren.

Während die Bewunderer des Alplebens wohl eher einem ungeliebten Job mit geregelter Arbeitszeit und freiem Wochenende nachgehen, schaffen wir mit unserer Hände Arbeit und viel Idealismus die Welt, aus der ihre Träume sind, und nehmen dazu manch eine Unannehmlichkeit in Kauf. Ich möchte nicht mit jenen Menschen tauschen. Sie mit mir sicher auch nicht, sonst würden sie es zumindest versuchsweise tun.

Ich habe mich für dieses Leben entschieden. Für meine blonden Haare habe ich mich nicht entschieden, aber ich mag sie und fühle mich nicht kitschig.

Es grüßt euch von der Alp der blonde
Gereon

--
Gereon Janzing
Kulturökologe und Ziegenhirt
Ecólogo cultural y cabrero
https://mitfreudeselbermachen.info/der-wolf-in-mitteleuropa/