Bücher

Falätscha

Recht und Gerechtigkeit

1988 wird auf der Alp Falätscha im Safiental der Zusenn mit einer Mistgabel erstochen. Das Alpteam verbuddelt die Leiche, das Tal schweigt. 28 Jahre später schaufelt die Polizei aufgrund einer Aussage die Knochen wieder aus. Was ist an jenem Tag geschehen?
Die Kommissare Calonder und Rauch aus Chur bringen mit ihrer Ermittlung Aufruhr in die verschworene Talgemeinschaft – sie würde die Vergangenheit lieber ruhen lassen. Der Fall schraubt sich in vielen Verhörgesprächen nur zäh Richtung Aufklärung. Nebst dieser geht es aber vor allem um die grossen Themen der Schuld, der Verschwiegenheit zum Schutz der eigenen Familie und wie weit das Recht zur Gerechtigkeit führen kann. Was sich wie eine rote Strohballenschnur durch die Geschichte zieht: Richtig leicht nimmt hier keiner das Leben – ausgenommen vielleicht die Kellnerin im Restaurant Turrahus.
Der Autor verliert auf den 650 Seiten nie den Respekt gegenüber der bäuerlichen Gesellschaft, er lässt sich Zeit, seine Charaktere fein zu ziselieren. Dabei geraten sie nicht – wie häufig bei modernen SchriftstellerInnen – dumb und hinterwäldlerisch. Das ist ihm hoch anzurechnen. (gh)

Stefan Gartmann
Falätscha
Vom Schweigen in den Bergen

Gebunden, 650 Seiten
bilgerverlag 2026
978-3-03762-117-2
www.bilgerverlag.ch

Augenbinde lüpfen

Zügers erstes Verdienst ist es, dass er dem Popstar Wolf das Gloriose vom Fell streicht und es als ein Wildtier in der Natur plaziert wie ein anderes auch. So geht es im Buch mehr um ökologische Zusammenhänge im Wald, auf den Weiden und in den Heuwiesen als um den Wolf. Und Züger entmystifiziert einige gern gesungene Litaneien wie die Yellowstone-Legende vom Wolf als Heilsbringer einer natürlichen Wildnis. Das bringt ihm nicht überall FreundInnen ein, aber wie er so schön schreibt: «Das ist Natur. Komplex, verworren, unvorhersehbar. Misstrauisch sollte man werden, wenn die Antworten allzu einfach und absolut sind.»
Spannend wird es immer dort, wo das Buch den WolfsanhängerInnen die Augenbinde lüpft: Wer treibt das Wild aus dem Wald, wer hinein? Welche Auswirkung hat der Herdenschutz auf die Biodiversität? Wie interagieren Fuchs, Luchs und Wolf mit- und nebeneinander? Zügers Antworten sind meist wissenschaftlich belegt, glauben werden ihm trotzdem nicht alle. Doch das Buch ist weitaus weniger ideologiegetrieben als andere Publikationen der letzten Jahre zum Wolf. (gh)

Marcel Züger
Mensch, Wolf!
Begegnungen mit Biologen, Bauern, Birkhahn und Apollo

Gebunden, viele Bilder und Grafiken, 304 Seiten
Edition Somedia 2025
ISBN 978-3-907095-96-6
www.marcel-zueger.ch

Werner Bätzing: Die Alpen, Geschichte und Zukunft einer europäischen Kulturlandschaft

Aller guter Dinge sind fünf

1984 zum ersten Mal erschienen, wurde das Standardwerk zur Geschichte, Kultur und Nutzung des Alpenbogens mittlerweile in fünfter Auflage durch den Autor Werner Bätzing wiederum vollständig überarbeitet und aktualisiert. Standardwerke haben es an sich, dass sie im eigenen Büchergestell stehen und ein paar Eselsohren und Fettflecken aufweisen, um den Anschein zu erwecken, man hätte sie gelesen. Autor und Titel kennt man auswendig, den Inhalt vom Hörensagen. «Die Alpen» aber lohnt sich geneigtest zu lesen. Bätzing hat sich in über dreissig Jahren ein Wissen zum Alpenraum erarbeitet, von dem wir profitieren können und auch sollten. Besonders weil er keine technokratischen Daten ausbreitet oder ideologische Eigeninteressen verfolgt, sondern den Menschen mit seinem Bemühen, in den Alpen zu (über)leben, in den Mittelpunkt seiner Überlegungen und Ausführungen stellt. Wir folgen Bätzing von der Besiedelung des Alpenraums über das Agrar- und Industriezeitalter bis zum «Verschwinden und Zerstören der Alpen». Er fädelt dabei nicht bloss den Geschichtsknäuel auf, ebenso geht es dem Kulturgeografen um die Verknüpfung zeitlicher und komplexer Gesellschaftsentwicklungen. Wer die Entwicklungen im Alpenraum in ihrer Gesamtheit verstehen will, soll das Buch kaufen – und auch lesen. (gh)

Werner Bätzing
Die Alpen
Geschichte und Zukunft einer europäischen Kulturlandschaft

Gebunden, 500 Seiten, viele Fotos
C. H. Beck, München 2026
978-3-406-84395-2
www.chbeck.de

Der Steinadler

Faszination Steinadler

Mitgerissen durch die Faszination der Autor*innen für die Majestät und Schönheit des Steinadlers, tauchen wir im Buch tief in sein Reich ein. Durch präzise Beobachtung, wissenschaftliche Recherche und viele beeindruckende Bilder bringen sie uns einen der grössten Greifvögel Europas auf verständliche Weise nahe. In der Weite der Alpen, die er sich mittlerweile vollständig erobert hat, zieht der Steinadler schier endlos seine Kreise: Auf der Suche nach Nahrung für sich und seine Jungen, stets mit einem wachsamen Auge auf Eindringlinge, die er nicht dulden kann, denn sein Revier ist begrenzt.
Körperbau und Nahrungssuche hat er seinem Lebensraum im Gebirge angepasst. Murmeltiere, junge Gams- und Steinkitze sind seine bevorzugte Beute. Das Weibchen ist grösser und eine fürsorgliche Mutter, das kleinere Männchen verteidigt als exzellenter Flieger den Lebensraum. Beim Lesen habe ich das Gefühl, diesem wunderschönen fernen Wesen ganz nah zu sein. (Samuel Gessler)

David Jenny, Serge Denis, Heinrich Haller
Der Steinadler
Eine Rückeroberung im Alpenraum

185 Fotos, 45 Grafiken, 30 Karten, 20 Tabellen, 20 Illustrationen
Gebunden, 280 Seiten
Haupt Verlag, Bern 2025
978-3-258-08361-2
www.haupt.ch

Einen Sommer ausfüllen

Etwas Lustiges und Sinnvolles hat sich der Fotograf und Schafhirte Lukas Zegg ausgedacht. Aufgrund seiner Hüteerfahrungen hat er ein Tagebuch fürs Notieren des Hirtenalltags zusammengestellt. Sauber strukturiert mit Ausfüllflächen für persönliche Daten, wichtige Telefonnummern, To-do-Listen, Verbesserungsvorschläge, Vor- und Nachbereitungen, Geburts- und Todeslisten. Kernstück sind jedoch die Tagebuchseiten. Dort kann man Wetter und Tierverhalten ankreuzen, allgemeine Gedanken, erledigte Arbeiten und den Sektor festhalten. Zudem hat es Platz für Leid und Freuden sowie einen Gefühlsbarometer.
Natürlich kann jeder und jede sich so ein Büchlein selber erstellen, aber der Lukas hat’s gemacht und stellt es den Faulen und weniger strukturell Begabten für einen kleinen Obulus zur Verfügung. (gh)

Lukas Zegg
Alpsommer-Tagebuch für Hirtinnen und Hirten

Taschenbuch, 212 Seiten
Eigenverlag 2026
www.zerooolimits.com

Hochalpine Allgäuer Alpwirtschaftskultur in Bad Hindelang

In der nahen Ferne

Meist ist Alpwirtschaft stark regional geprägt, mit eigenen Bräuchen, Traditionen, Rechten, Pflichten, von der Tierart über die Bekleidung der ÄlplerInnen bis hin zu Stacheldrähten oder Elektrozäunen. Daher sollten Publikationen aus der nahen Ferne, hier z. B. dem Allgäu, das geneigte Interesse von uns Schweizer ÄlplerInnen wecken – auch wenn wir selbstverliebt meinen, richtige Alpwirtschaft gäbe es nur in der Schweiz. Den vielen AutorInnen gelingt es, die allgäuische Verbundenheit zur Alpwirtschaft aufzuzeigen, ohne in folkloristische Heimattümelei zu verfallen. Themen sind: Geschichte der Alpwirtschaft und Alpkäse, Brauchtum, Alpgesetze, Artenvielfalt, Tierzucht, Gesellschaft, Tourismus, Wetter, Digitalisierung, Vermarktung, Identität, Politik, Immaterielles Kulturerbe, Zukunft und ein Blick nach Österreich, Frankreich und die Schweiz – puuh, ganz schön viel, nur leider kein Kapitel zu den Älplerinnen und Älplern. Dennoch interessant, wie sich jenseits der Grenze ähnliche Probleme in Bezug auf Bestossung, Ökologie, Vergandung und Strukturwandel stellen wie bei uns. (gh)

Bätzing, Birk, Empter-Heerwart u. a.
Hochalpine Allgäuer Alpwirtschaftskultur in Bad Hindelang
Immatrielles Kulturerbe in Deutschland

Gebunden, 256 Seiten, viele Fotos
context verlag Augsburg 2026
978-3-946917-47-2
www.context-mv.de

«Gesetzlose» in den Bergen  und die vertikalen Grenzen der Herrschaf

Widerständige Berge

Das sechste Treffen europäischer Historiker:innen im vorarlbergischen Montafon widmet sich den «Gesetzlosen» und ihren vielfältigen Formen des Widerstandes. Der erste Themenbereich widmet sich Vorarlberg und Tirol, u. a. mit einem Beitrag zu schamanistischen Vorstellungen im Kontext nachtfahrender Frauen und Männer in der frühen Neuzeit, dem Schmuggel als Zusatzerwerb für die einheimische Bevölkerung und der Desertation im Zweiten Weltkrieg. Der zweite Themenkomplex fokussiert auf das vorindustrielle Zeitalter, von den Bergen des alten Chinas über Formen des Widerstandes im antiken Alpenraum bis zu den «ketzerischen» Glaubensvorstellungen der Albigenser:innen in den Pyrenäen im Spätmittelalter. Der dritte Teil umfasst eine Reihe von Beiträgen zur Neuzeit, u. a. zu Schafdiebstählen und dem gesellschaftlichen Umgang damit in den frühneuzeitlichen Karpaten, dem kolonialen Widerstand in den ostafrikanischen Bergen oder den Guerillabewegungen in Lateinamerika des 20. und 21. Jahrhunderts. Der letzte Themenbereich schliesslich widmet sich den literarischen Darstellungen etwa von Schmugglern, Wilderern und «wilden Weibern» in der deutschsprachigen Literatur des 19. Jahrhunderts. Die meisten der eher kurzen Beiträge sind verständlich und gut lesbar. Wer Lust hat, in geografischer, historischer und inhaltlicher Hinsicht über den eigenen Tellerrand zu schauen, findet beim Schmökern eine ganze Reihe höchst anregender Themen. (an)

Michael Kasper et al. (Hg.)
«Gesetzlose» in den Bergen
und die vertikalen Grenzen der Herrschaft

Gebunden, 437 Seiten, div. Abbildungen
Montafoner Gipfeltreffen, Bd. 6
Böhlau Verlag, Wien 2025
978-3-205-22261-3
www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com

Der kleine Taschentierarzt

Komprimierte Erfahrungen eines langjährigen Tierarztes

Die gut fünfzig vorgestellten Krankheiten werden auf einer Seite abgehandelt, wobei sich Schulmedizin, Homöopathie, Akupunktur und Hausmittelchen bei den Behandlungen oft ein Stelldichein geben. Man wird kurz und dicht informiert, so, wie man es von einem kleinen Ratgeber erwartet – manchmal wüsste man aber doch gerne etwas mehr über die jeweilige Krankheit. Im Anhang wird die Herstellung von Ölen und Tinkturen erklärt, es wird kurz auf die Konstitutionstypen beim Rind eingegangen und aufgeführt, was alles in einer Stallapotheke versammelt sein sollte. Das Büchlein kommt ganz ohne Bilder aus und richtet sich in erster Linie ans Rindviehpublikum, welches nicht von einem Medizinwälzer erschlagen werden will. (gh)

Dr. Hans Christ
Der kleine Taschentierarzt
Ein Ratgeber aus der Grosstierpraxis

Hardcover, 104 Seiten
Leopold Stocker Verlag 2025
ISBN 978-3-7020-2314-0
www.stocker-verlag.com

Kräuterheilkunde für Schafe und Ziegen

Heilsames für Schaf und Ziege

«Kräuterheilkunde für Schafe und Ziegen» enthält die wichtigsten Grundlagen zur Pflanzenheilkunde: von Inhaltsstoffen und Wirkungsweisen zum richtigen Aufbereiten bis hin zu Portraits der wichtigsten Heilpflanzen und ihrer Anwendung. Die Autorin beschreibt übersichtlich, was auch aus anderen Kräuterbüchern für Tiere bereits bekannt ist. Interessant ist der Fokus auf Kleinwiederkäuer. So manches Kräutlein wächst auch direkt vor der Hüttentür. Gute Ergänzung für die Alpbibliothek und auch für Anfänger*innen geeignet. (mn)

Andrea Tellmann
Kräuterheilkunde für Schafe und Ziegen

Broschur, 160 Seiten, 75 Fotos
Verlag Eugen Ulmer 2024
978-3-8186-1743-1
www.ulmer.de

Über Freundschaft

Jonas und Galel sind Bergführer, Paul ist Hüttenwart. Jeden Sommer treffen sie sich wieder auf Pauls Hütte, Jonas und Galel führen ihre Wandergruppen dorthin. Es gibt selbstgebackenes Brot und Wein am Feuer, die drei Freunde lachen und schweigen. An diesen Abenden geht um das Wesentliche, auch wenn nie über das Wesentliche gesprochen wird. Was sie verbindet, ist die Liebe zu diesen Bergen, zum Obensein, zum Bergsteigen. Im Winter, wenn Jonas, Galel und Paul im Tal sind, sehen sie sich nicht, ihre Freundschaft beschränkt sich auf die Sommersaison. Als sich einer von ihnen verletzt, wirft das existenzielle Fragen über Freundschaft, Lebenssinn und Sprachlosigkeit auf. Fanny Desarzens «Berghütte» kommt manchmal sehr literarisch gewollt und blumig daher, macht uns aber bewusst, wie dankbar wir unseren Körpern sein dürfen, dass sie uns den Zugang zum Älplern nicht verwehren. Denn dass es einmal anders ist, kann schnell gehen. (aw)

Fanny Desarzens
Berghütte

Taschenbuch, 144 Seiten
Kampa Verlag 2025
978-3-311-15099-2
www.kampaverlag.ch

Weiche Butter, raue Hände

Süsses ist eine echte Rarität

Etwas unbedarft verdingt sich Francesco Gubert als Senn auf eine Alp im Valsugana, ein Tal im Südosten des Trentino. Mit der Milch von 100 Kühen soll er hiesigen Alpkäse produzieren – eine Herausforderung, die ihm schwer auf der Seele lastet, hat er doch bloss einen einzigen Alpsommer im Berner Oberland als Erfahrung im Gepäck. Ein ruppiger Alpmeister, unfreundliche Bauern, ein rebellischer Hirte in den Flegeljahren, Zoff mit der Nachbarhirtin, die Anspannung, ob der Käse gelingt – das alles zerrt an Francescos Kräften, raffelt an seiner Psyche, bis die Situation eskaliert. Der Autor möchte der allgemeinen Alpenidylle mit seinem Tagebuchbericht etwas entgegensetzen: «diese verflixte Schwelle überschreiten, die die Welt da draussen von dem trennt, was dort drinnen in der Käserei passiert». Das gelingt ihm recht gut. Weniger gelungen ist die Übersetzung aus dem Italienischen ins Deutsche: Da hat der Käse eine «Kruste», der Bruch im Kessi «köchelt», die Butter wird «abgespült» und der junge Käse eignet sich hervorragend zum «Grillen». (gh)

Francesco Gubert
Weiche Butter, raue Hände
Tagebuch einer Almsaison

Taschenbuch, 144 Seiten
Edition Raetia, Bozen 2025
978-88-7283-972-0
www.raetia.com

Chüe, Härdöpfel & Heugümper

Schweizer Landwirtschaft: Nationalcharakter und Zukunft

Autor Scott Haas ist US-amerikanischer Psychologe und Zweitwohnsitzschweizer. Für ihn ist die Schweizer Landwirtschaft nationalkulturelles Fundament und multitalentierter Player (Ernährung, Ausbildung, Arbeitsplätze, Networking, ethischer Prüfstein). Er portraitiert betriebsindividuelle Lösungen wie Ensectable (Zucht und Weiterverarbeitung essbarer Insekten). Oder einen Kleinbauern im Kanton Bern, der aus dem Wunsch nach Energieautarkie angefangen hat, die Fladen seiner Kühe für Biogas zu nutzen, und mittlerweile 18 Familien mit Energie versorgt. Es geht auch um nischige Initiativen wie Swiss Tavolata, wo Landwirt:innen Gäste zum gemeinsamen Essen einladen, um (unter anderem) die Konsument:innen wieder in Kontakt zur Urproduktion zu bringen. Zudem geht es um Bauernhofmuseen und Bauernhofpädagogik und die Möglichkeiten, auf einem Hof mitanzupacken. Die Themenbreite des Buches hat durchaus Überforderungspotenzial, bietet aber auch die Chance, vielleicht genau das Projekt zu finden, das Lust auf eine breitere Landwirtschaft macht. Oder wenigstens Lust auf einen Insektenpattyburger. (jo)

Scott Haas, Fotografien Pawel Streit
Chüe, Härdöpfel & Heugümper
Schweizer Landwirtschaft 4.0

Gebunden, 192 Seiten
Benteli Verlag 2025
978-3-7165-1881-6
www.benteli.ch

Willkommen im Tal der Tränen

Das Leben ist eine Rinderherde

Das Buch der Literatin und Hirtin Noëmi Lerch (*1987) holt mich schon mit dem Einband aus grauem, rauem Leinen haptisch sofort ab. Das Covermotiv des Künstlerduos Walter Wolff, gekratzt in schwarzen Druck, würde ich mir auch als Tattoo stechen lassen (www.walterwolff.ch/tattoos).
Während Lerch jeweils auf der rechten Buchseite die Geschichte des Alpsommers von Zoppo, Tuinar und Lombard erzählt, ist die linke Seite schwarz. Darauf weisse Skizzen, die dem Text zur Seite stehen. Sie metamorphisieren durch das Buch wie ein Schwarm Stare am Himmel.
Der Text ist ein Kondensat. Die Autorin lässt die Dinge sprechen, die Landschaften und Tiere. Den Polentatopf, die weite Grasebene, die tote Lieblingskuh. Nur wenige Sätze fallen zwischen den Männern und dem Hund. Die Geschichte steht zwischen den Zeilen und hinter den Bildern. Platz fürs eigene Kopfkino!
Immer wieder mag ich das Buch anfassen und aufschlagen, über Sätze sinnieren und Neues in den Skizzen entdecken. Einfach schön. (js)

Noëmi Lerch
Willkommen im Tal der Tränen
Illustrationen von Walter Wolff

Gebunden im Leinenumschlag
288 Seiten
Verlag Die Brotsuppe, Biel 2019
978-3-03867-015-5
www.diebrotsuppe.ch

Praktisch alpwandern

18 Tage, 18 Orte. 222 Kilometer, 15’000 Höhenmeter, 20 Pässe, 25 Bergseen, 3 Sprachen, 24 Alpen. Das ist der «Parc Ela Trek», ein touristisierter Wanderweg rund um den Parc Ela in Graubünden. Schweisstropfen und Schuhsohlen hinterlässt man unter anderem an Orten wie dem Albulapass, der Keschhütte, auf dem Piz Ela, am Malojapass. Das schmale Büchlein ist praktisch aufgemacht mit Wegbeschrieb, Fressstationen, Bettlagerstätten – nützlich, wenn vor lauter Knipserei der Akku leer ist. Der Fokus liegt auf den 24 portraitierten Alpen, alle bebildert und mit Steckbrief versehen. Dazu gibt’s knappe Informationen rund um die Alpwirtschaft und Verhaltensregeln bei Mutterkuhherden und Herdenschutzhunden. Wer die Alpen im Parc Ela kennenlernen will, bekommt hier praktisch, quadratisch, gut. Ob die Älplerinnen und Älpler an all den roten Socken Freude haben, die zwischen Tieren, Zaun- und Türpfosten auftauchen, ist hier nicht Gegenstand der Debatte. (gh)

Irene Schuler
Die Alpen am Parc Ela Trek

Broschur, 56 Seiten
Verein PRE Parc Ela Trek, Seewis Dorf 2025
978-3-033-11130-1
www.parc-ela-trek.ch

Handbuch Schafalp, von Hirten, Herden und Hunden

Handbuch Schafalp

Das Handbuch Schafalp vermittelt Praxiswissen für Hirt und Hirtin. Es liefert Grundlagen zur Weide- und Herdenführung mit Schaf, Zaun und Hund. Es hilft, den Alpsommer zu organisieren, gibt Tipps zur Zusammenarbeit mit Alpverantwortlichen und spannt einen Bogen von der alten Hirtenkultur bis zum heutigen Herdenschutz. Interviews mit Schafhirt*innen aus drei Generationen ergänzen den fachlichen Inhalt. Nicht zuletzt weckt das Buch Neugier und Leidenschaft für diesen faszinierenden und anspruchsvollen Job.

Daniel Mettler, Helen Willems, Andrea Sulig, Sven Dörig, Christian Gazzarin, Riccarda Lüthi

Handbuch Schafalp
von Hirten, Herden und Hunden

Hardcover gebunden, 336 Seiten
300 Bilder und Illustrationen
ISBN 978-3-033-10783-0
zalpverlag, Mollis 2025

CHF 48.– plus Versandkosten

www.zalpverlag.ch

Glarner Alpbuch

Wie ein Kranz umgeben die Alpen den schmalen Talboden des Glarnerlands. Anfang Sommer erwachen Hütten und Weiden aus dem Winterschlaf, wenn die Älplerinnen und Älpler mit ihrem Vieh in die Höhen ziehen, die Schellen und Trycheln die Alpsaison einläuten und in den Sennereien wieder das Feuer knistert.
Die Alpsaison in der Schweiz ist ins Immaterielle Kulturerbe der UNESCO aufgenommen worden, weil die Alparbeit langjähriges Wissen, Handwerk, Brauchtum und die Pflege der Kulturlandschaften vereint. Im Glarnerland ist die Alpwirtschaft eng verbunden mit der Landwirtschaft im Tal. Die Bauernfamilien erweitern mit der Sömmerung die Futtergrundlage für ihre Tiere und produzieren naturnahe Nahrungsmittel. Das Buch öffnet mit Geschichten, Porträts und Hintergründen ein Fenster in die Welt der Glarner Älplerinnen und Älpler.

Herausgeber Glarner Alpverein
Glarner Alpbuch
Zwischen Morgenweide und Abendrot

368 Seiten, 580 Bilder, gebunden
ISBN 978-3-033-10639-0
inklusiv Wanderkarte M 1:50’000
CHF 68.–

www.glarneralpverein.ch/alpbuch

Der Wolf, Heinrich Haller

Und noch ein Buch zum Wolf

Wer noch nie einen Wolf gesehen hat, findet in diesem Bild-/Textband viele Fotos: Wolf vor Sonnenuntergang, Wolf im Abendlicht, Wolf auf Berggrat usw. Heinrich Haller, Wildbiologe und ehemals Direktor des Schweizerischen Nationalparks, schreibt es klar: Der Wolf gehört zur Kulturlandschaft. Da will man ihm auch nicht widersprechen. Und falls der Wolf nicht dazugehörte, ist er trotzdem da. Was aber nervt: Allgegenwärtig in Hallers durchaus interessanten Überlegungen zum Wolf in den Bereichen Landwirtschaft, Politik, Kultur, Kopf, Raum und Zeit ist seine Forderung an die Landwirtschaft, doch Einsicht in die Koexistenz zu haben – ohne aber im Gegenzug vom Naturschutz eine Unterstützung der Bestandesregulation einzufordern. Vielfach wird das Wort «pragmatisch» bemüht, jedoch immer adressiert an die Alp- und Landwirtschaft. Lieber Heinrich Haller: Ziel verfehlt, einen nüchternen Beitrag zur Wolfsdiskussion beizusteuern (falls dies überhaupt das Anliegen war). gh

Heinrich Haller
Der Wolf
Ein Grenzgänger zwischen Natur und Kultur

Gebunden, 216 Seiten, viele Fotografien
Haupt Verlag, Bern 2025
ISBN 978-3-258-08432-9

www.haupt.ch

Dialäkt-Atlas

Dachlatte

Schön bunt, saumässig schwer, überaus wissenschaftlich, informativ und durchaus lustig und unterhaltsam: der Dialäktatlas. Regelmässig blättern mein 5-jähriger Enkel und ich darin vor und zurück. Wir spüren bekannte und unbekannte Wortformen auf, freuen uns an unglaublichen und lustigen Mundartvarianten (Pulli, Dachlatte, Poldernu) und finden anhand der bunten Land-/Wortkarten heraus, wer aus unserer Familie wohl wo lebt.
Alle meine Grosskinder werden von mir, seit sie sprechen können, mit Dialektbegriffen geimpft:
Weifäcke, Chrottepösche, Söiblueme, Löwezahn
Giereizli, Rittiplampi, Rittiseili, Schaukle
Silberreiher, Fischreiher, Graureiher, Ostereier
Wobei ich die letzte Aufzählung jeweils als Witz ankündige, sie von den Kindern jedoch ernst genommen wird. Die Erkundung unserer Sprache mit Wissenschaft, heiteren Fakten und einer Zeitreise von hundert Jahren auf farbigen Karten macht den Atlas zur unterhaltsamen Lektüre auf Gguutschi, Couch, Sofa, Kanapee, Ruebettli, Diwaan und Polstergruppe. (Eva Hulst)

Leemann, Steiner, Studerus, Oberholzer, Jeszenszky, Tomaschek, Kistler
Dialäktatlas
1950 bis heute

Gebunden, 368 Seiten, viele Abbildungen/Karten
vdf Hochschulverlag, Zollikon 2025
ISBN 978-3-7281-4183-5

www.vdf.ch

Lou, Philosoph der Tiere (und Menschen)

Einer mit Hausverstand

Der Südtiroler Lou Blaas ist ein eindrücklicher Mensch. Wer ihn leibhaftig trifft, dem bleibt er haften. Zusammen mit der Journalistin Christine Losso hat er über sein Leben ein Buch gemacht, er erzählt, sie schreibt auf. In jungen Jahren gemobbt und erniedrigt, erkämpft sich Lou entlang von Schicksalsschlägen und Glückstätscheln ein kräftiges Selbstvertrauen. Insbesondere die Verbundenheit mit Tier und Natur helfen ihm dabei – und vielleicht die dreissig Alpsommer auf der Fürstenalp im Bündnerland. Von der Alp erfährt man im Buch jedoch nicht viel, im Zentrum steht seine Biografie und seine Arbeit mit Hunden. Zu Hunden hat Lou ein feines Gespür und wahrscheinlich fliesst bei ihm etwas Wolfsblut durch die Adern. Das Buch erzählt nicht wenige Geschichten, in denen er leidende Hunde vor ihren psychotischen HalterInnen rettet. Lous Biografie kann man aber auch als Ratgeber von einem mit Hausverstand lesen, Lebensweisheiten gibt es genügend. gh

Christine Losso
Lou, Philosoph der Tiere (und Menschen)
Wie der kleine Lorenz zum Lou wurde

Taschenbuch, 280 Seiten
Epubli, Berlin 2024
ISBN 978-3-8187-1168-9

www.lou-blaas.com

Praxisführer Almpflanzen, Andreas Bohner

Blümchen, zeig mir, was du wert bist!

Im Unterschied zu anderen Alpenpflanzenbüchern stellt dieses nicht die Frage: «Was blüht denn da?», sondern: «Was kaut die Kuh, was graust der Geiss?» Vorgestellt und beschrieben werden 60 Gräser und Blumen für das Weidevieh sowie für die interessierte Hirtin und den fleissigen Weidepfleger. Die Porträts zeigen, in welchem Boden die Pflanze gerne wurzelt und welche Gesellschaften sie bevorzugt, also z. B. Goldhaferwiesen, Bürstlingsrasen, Ampferfluren usw. Es gibt Tipps zur Vermehrung bzw. Verminderung und Wissenswertes zu Gebrauch und Besonderheit der Pflanze. So weit alles gut und interessant. Kritikpunkt: Die Tipps zur Weidepflege stammen eher aus vorgängigen Lehrbüchern als aus der Praxis. Aber Kraut drüber: Wer sich für das Grün und Braun unter seiner Vibramsohle interessiert, findet in diesem Buch viele verständliche Informationen. Dazu gibt es im Rundumsorglospaket einen Abriss zum Alpenklima und ein Glossar zu botanischen Fachbegriffen. gh

Andreas Bohner
Praxisführer Almpflanzen
Futter- und Zeigerpflanzen im Alpenraum verstehen

Gebunden, 176 Seiten, viele Fotografien
Leopold Stocker Verlag, Graz 2024
ISBN 978-3-7020-2100-9

www.stocker-verlag.com

Engadinerinnen, Angelika Overath

Frauenleben im Engadin

Angelika Overath erzählt in ihrem Buch «Engadinerinnen» die Lebensgeschichten von 18 «ganz normalen» Frauen aus dem Hochtal: von der Weberin bis zur Ärztin, von jung bis alt, von einheimisch bis zugezogen. Mit diesem Buch geht die Autorin auf die Suche nach dem Ursprung der Stärke, die die Engadiner Frauen für sie ausstrahlen, und rückt dabei auch die oft unsichtbare Arbeit von Frauen in den Vordergrund. Wie das Leben eben spielt, sind auch die Geschichten sehr unterschiedlich. Sie führen die Leser:innen in andere Länder und auf andere Kontinente und enden schliesslich alle in der Berglandschaft des Engadins. Die sehr kurz gehaltenen Porträts der einzelnen Frauen kratzen leider nur an der Oberfläche der Lebensgeschichten und bleiben – weil reduziert auf wenige Seiten – etwas flach. Schade. mn

Angelika Overath
Engadinerinnen
Frauenleben in einem hohen Tal

Gebunden, 200 Seiten, 36 Fotografien
Limmat Verlag, Zürich 2024
ISBN 978-3-03926-067-6

www.limmatverlag.ch

Schweizer Bergwelten Fabian Lang

Ansprechende Grafiken im DIN-A3-Format

In 100 bunten, abwechslungsreichen Grafiken bringt uns Fabian Lang verschiedenste Themen nahe: von Artenvielfalt bis Dialekt, von Klimakrise über Politik bis Wolfsfährten etc. Besonders begeistert war ich beim Blättern und Studieren der Flugrouten reetablierter Bartgeier-Populationen und beim Entdecken der versteckten, lustigen Zeichnungen von Kartografen in den Swisstopo-Karten. Zwischen den Kapiteln finden sich Interviews mit vor allem Wissenschaftler*innen. Ein unterhaltsames Buch mit tollem Design für all jene, die sich gerne ansprechend veranschaulichte Datenmengen zu Gemüte führen. Die spezielle Bindung ermöglicht ein vollständiges Aufschlagen der Buchseiten, sodass die Grafiken im DIN-A3-Posterformat zu voller Geltung kommen. (aw)

Fabian Lang
Schweizer Bergwelten
100 Infografiken mit Weitsicht

Gebunden, 208 Seiten, doppelseitige Grafiken
HELVETIQ, Basel 2024
ISBN 978-3-03964-075-1

www.helvetiq.com

Schauplatz Alpen, Karin Steinbach Tarnutzer

Bergsteigen und das Leben in den Bergen

Karin Steinbach Tarnutzer verbindet zwei Textgattungen, die sich selten nebeneinander finden: Zu den gesammelten Reportagen der letzten Jahre gesellen sich Vorschläge für leichte bis mittelschwere Wandertouren in 15 verschiedenen Regionen der Schweiz. Die Autorin porträtiert Menschen, die vom, mit und am Berg leben – ob Helipilot, Permakulturbäuerin, Insektenforscher, Priester oder Rangerin. Die Reportagen, die sich jeweils bunt bebildert über zwei bis drei Doppelseiten erstrecken, bringen den Wanderfreudigen unter uns anderes näher als Gipfelnamen, Höhenmeter und Schwierigkeitsgrade: reale Geschichten von Menschen, die nicht nur zu Besuch sind in den Schweizer Bergen, sondern mit ihnen arbeiten und von ihnen leben. Das macht neugierig, die Berge mit anderen Sinnen zu erlaufen als gewohnt. Klares Grafikdesign und gelungene Reportagefotografien ergänzen die lebendigen Texte. Ein Buch, das der Alpbesuch bestimmt gerne aus dem Bücherregal zieht! (aw)

Karin Steinbach Tarnutzer
Schauplatz Alpen
Reportagen aus den Schweizer Bergen – mit 45 Wanderungen

Gebunden, 264 Seiten, viele Fotografien
AT Verlag, Aarau 2024
ISBN 978-3-03902-185-7

www.at-verlag.ch

Von hier und dort

Schön! Endlich ein Buch des Hirten, Weinbauern und Lehrers Blaise Hofmann auf Deutsch. In der Romandie wurde er durch sein Buch «Estive» bekannt, eine scharfsinnige Auseinandersetzung mit dem Beruf des Schafhirten. Im aktuellen Buch ranken seine Gedanken um die Unvereinbarkeit von BäuerInnen und StädterInnen. In Notizen, Gesprächen und geschichtlichen Rückblicken versucht Hofmann zu verstehen, wieso die Verständigung von hier und dort so schwierig ist. Dabei ist er kaum anklagend, dafür oft ironisch, manchmal etwas ratlos – für uns Leser­Innen ist das unterhaltend, erhellend und wir lernen, dass Klischees nicht einfach überwunden werden können. Zu einem «guten» Ende kommt es im Buch natürlich nicht, dafür wären wir aus der Stadt und vom Land verantwortlich. (gh)

Blaise Hofmann
Die Kuh im Dorf lassen
oder die Herausforderungen einer nach­haltigen Landwirtschaft in der Schweiz

Taschenbuch, 188 Seiten
Atlantis Literatur, Zürich 2024
978-3-7152-5037-3, CHF 24.90

www.atlantisliteratur.ch

Was du schneidest, was du gabelst

Viele trendige Bücher zu Ernährungsdiskussionen drehen sich um die eigene Gesundheit, prangern die Fleischwirtschaft an oder versteigen sich in der Esoterik. Nicht so Gereon Janzings Buch «Naturschutz auf dem Teller». Hier geht es um eine bewusste Entscheidung, mit dem Verzehr von regionalen Pflanzen- und Tierprodukten draussen vor der Tür eine Vielfalt an Lebewesen zu erwirken. Gereon, langjähriger Kuh- und Geissälpler, schreibt aus seinen persönlichen Erfahrungen mit Weidetieren und als forschender Geobotaniker. So verbinden sich die Ziegen mit den Kräutern und die Kräuter mit den Ziegen – das eine nicht ohne das andere. Und wer die Ziege dafür nicht ehrt und frisst, bekommt ein Janzinger Kopfschütteln.
Gerne rückt Gereon Lifestyle-VeganerInnen, Sofa-BesserwisserInnen oder praxisferne WissenschaftlerInnen zurecht, was bisweilen amüsant zu lesen ist. Etwas zäher zu erfassen sind die aneinandergereihten Wissenssplitter in kurzer Form. Oft würde einen eine Aussage näher interessieren, aber dann folgt bereits die nächste. Dagegen überrascht Janzing immer wieder mit klugen Gedanken: Wer Spargeln isst, schadet der Biodiversität; wer Margarine aus Sojaöl konsumiert, unterstützt die Kraftfutterproduktion; wer eine Hinterwälder Kuh verzehrt, fördert ihre Erhaltung. Du willst mehr wissen oder bist gegenteiliger Meinung? Dann kauf das Buch und lies. (gh)

Gereon Janzing
Naturschutz auf dem Teller
Warum Weideprodukte auf jeden Speiseplan gehören

Taschenbuch
oekom Verlag 2023
978-3-9872605-2-0, CHF 29.90

www.mitfreudeselbermachen.info

Vom Alant bis zur Zwiebel

Die Publikation der Kulturwissenschaftlerin Ursula Brunold-Bigler bietet eine «Wissens- und Anwendungsgeschichte» von der Antike bis in die heutige Zeit. Nach einer kurzen Übersicht zu den Schaugärten und Lehrpfaden, mit denen traditionelles und neues Heilpflanzenwissen an Einheimische und Tourist:innen vermittelt wird, widmet sich der zweite Teil anhand einer Vielzahl von mehr oder weniger bekannten Namen der Überlieferung des Kräuterwissens: vom römischen Arzt Dioskurides über Hildegard von Bingen bis zum Kräuterpfarrer Johann Künzle und zur «Gottesapothekerin» Maria Treben. Die Zusammenstellung macht dabei deutlich, dass es früher fast ausschliesslich Angehörige der universitär gebildeten Oberschicht waren, die das Wissen um die Heilkraft und die medizinische Anwendung von Kräutern weitertrugen. Dass Naturheilkunde auch eine problematische Nähe zu rechtsextremem Gedankengut haben kann, zeigt sich etwa bei Maria Treben, die Mitglied der Nationalsozia­listischen Deutschen Arbeiterpartei war, während Künzle zumindest offen mit den Nazis sympathisierte.
Im dritten und umfangreichsten Teil werden in alphabetischer Reihenfolge 212 Pflanzen vorgestellt, die in Graubünden verbreitet sind. Zu jeder Pflanze gibt es eine ausführlichere Beschreibung des durch die Jahrhunderte tradierten Heil- und Anwendungswissens. (an)

Ursula Brunold-Bigler
Kräuterland Graubünden
Eine Natur- und Kulturbeschreibung aus 20 Perspektiven

Gebunden, 432 Seiten, 264 farbige Abb.
hier und jetzt, Zürich 2023
978-3-03919-582-4, CHF 59.00

www.hierundjetzt.ch

Rasant und explosiv

Es gibt Bücher, die reissen einen weg aus den Gedanken an geblähten Käse, weg vom Groll im Team, weg von den Beigen ungespaltener Holzklafter, weg von Moderhinke und Lippengrind, hin an einen Ort, den man bis zur letzten Seite nicht verlassen will. Augstburgers Bücher sind so, in seinen Bergromanen verwebt er unversöhnliche Familiendramen, politische Intrigen, aktuelle gesellschaftliche Konflikte und tragische Liebesgeschichten zu Spinnennetzen, in denen man strampelnd hängen bleibt.
Nicht anders im «Tal der Schmetterlinge»: Die Explosion eines Munitionsdepots der Armee zerstört 1950 das Bergdorf Althäusern. Das Dorf wurde wieder aufgebaut, doch auch siebzig Jahre später lauern noch Geheimnisse und Granaten in den Grüften. Dem allem kommt die Wissenschaftlerin Meret Sager – unterwegs im Auftrag eines unbekannten Investors, bei Althäusern ein energieautarkes Dorf zu planen – allmählich auf die Schliche. Nebenbei wird eine leidenschaftliche Jugendliebe ausgerollt, es verenden Hunderte von Forellen, Corona blinkt zuweilen auf und eine Alp stürzt ab. Rasantes Kopfkino. (gh)

Urs Augstburger
Das Tal der Schmetterlinge

Hardcover, 384 Seiten mit Lesebändchen
Bilgerverlag, Zürich 2023
978-3-03762-103-5, CHF 36.00

www.bilgerverlag.ch

Unten im Tal, Paolo Cognetti

Unten im Tal

Obwohl «Unten im Tal» mit nur 144 Buchseiten vergleichsweise kurz daherkommt, tauchen wir umso tiefer ein. Es geht um ein ungleiches Brüderpaar. Luigi ist Dorfpolizist, Dagebliebener, hat einen festen Platz in der Dorfgemeinschaft und wird bald Vater. Fredo ist nach Kanada ausgewandert, reist als Holzer und Trucker der Arbeit hinterher und ist stark alkoholkrank. Beide treffen wieder zusammen, als nach dem Versterben ihres Vaters die Erbschaft geklärt werden soll: das Haus ihrer Kindheit, ein altes Haus hoch oben in den Wäldern von Fontana Fredda, einem Weiler in den Bergen des Piemont. Eigentlich aber geht es um all das, was nicht romantisiert werden kann: um Arbeitslosigkeit, Schweigen, Neid, Naturgewalt, Alkoholsucht, Tristesse, leere Dörfer in der Nebensaison, Abwanderung und den Bau eines Skigebiets – mitten durch Wälder, die Jahrhunderte alt sind. Ein wunderbares Buch, schlicht, rau und sprachgewaltig. (aw)

Paolo Cognetti
Unten im Tal

Gebunden, 144 Seiten
Penguin Verlag, Basel 2023
ISBN 978-3-328-60364-1

www.penguin.de

Granitschädel und Luchstatzen

In den Berner Oberländer Bergtälern werden erbitterte Fehden ausgetragen, die quer durch ganze Dörfer, Sippschaften, Familien gehen. Jäger und Schafhalter gegen Naturschützer und Stadtromantiker stehen als Prototypen für die verfeindeten Lager. Ein Wilderer schickt die vier abgehackten, blutigen Pfoten eines Luchses ans zuständige Bundesamt. Die Boulevardmedien heizen die Stimmung an. Julius Leen, dreadlockstragender Zivi im Luchsprojekt, gerät zwischen sämtliche Fronten. Nicht nur die Stumpen der Granitschädel rauchen. Eine unheilvolle Bierwette führt zu einem Wettjagen.
Haudegen, Linke und Nette, gewilderte Luchse und Wissenschaftler begegnen sich in der Beiz und am Berg, werden von konträren Ideologien und Lebensformen gelenkt und bilden damit einen spannenden Stoff zu dieser vielseitigen, erhellenden und anheimelnden Geschichte über die wiederangesiedelten Luchse in der Schweiz. (gh)

Urs Mannhart
Luchs

Hardcover mit Lesebändchen
komplett revidierte Ausgabe 2023
Bilgerverlag, Zürich
978-3-03762-106-6, CHF 35.90

www.bilgerverlag.ch

Käse aus der eigenen Küche

2020 zum ersten Mal als Zusennin auf die Alm und 2023 ein Buch über Käseherstellung veröffentlichen? Die raketenschnelle Form von Wissensgenerierung in der komplexen Milchverarbeitungsmaterie beeindruckt. Ich stelle mir vor, dass es zwischen Milch und Sennautorin einen magischen Ini­tialmoment gegeben hat. Dazu hat die Österreicherin Marlene Kelnreiter viel durch den erfahrenen Senn im ersten Sommer, durch Lektüre, Ins-Kessi-Schauen bei Expert:innen und durch Praxisversuche gelernt. Ob Skyr oder Bergkäse: Für eine breite Produktpalette formuliert sie schlichte, verständliche Herstellungsschritte. Mengen und Geräte sind an die Möglichkeiten eines Haushalts angepasst. Nebenbei gibt es Wissen zur Geschichte der Almwirtschaft und Käseherstellung. Mit Käseverkauf und (restlos ausgebuchten) Käseherstellungskursen hat Käse auch losgelöst vom Kessi einen Platz im Leben der Autorin eingenommen. Zusätzlich arbeitet sie als Texterin und Kulturarbeiterin und liebt den Wechsel zwischen den Welten. (js)

Marlene Kelnreiter
Käseglück
Käse einfach selber machen

Gebunden, 168 Seiten, viele Fotografien
Löwenzahn Verlag, Innsbruck 2023
978-3-7066-2978-2, CHF 39.90

www.loewenzahn.at

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