Mit der Solawi auf der Alp

In den Hirt:innen-Alltag reinschnuppern und einen Produktekorb voller Alp-Leckereien erhalten? Die Bergsolawi Surselva macht genau das möglich.


                        
                            
                        
                            
                                
                            
                        
    


                        
                    

                    
                

 
Von klein auf hatte ich davon geträumt, einen Sommer auf einer Alp zu verbringen und als Geisshirtin zu arbeiten. Als mir eine Freundin die «Bergsolawi» vorstellte, war ich angetan: Ein sinnvolles Projekt, tolle Leute, zu regenerativen Nahrungsmittelketten beitragen und gleichzeitig in den Alpsommer reinschnuppern und als Hirtin arbeiten? Genial! Dass ich dazu noch einen Produktekorb mit Leckereien von der Alp erhalte und spannende Menschen kennenlernen darf, setzte dem Projekt das Hütchen auf und ich trat der Genossenschaft bei.

Mitarbeiten und Mitgestalten

2021 packte ich meinen Rucksack und wanderte die gut drei Stunden vom Bahnhof Sumvitg in der Surselva auf die «Stalla da Glivers» auf 1919 Meter Höhe, um mich um rund 40 Geissen und Gitzis zu kümmern. Trotz schlechtem Wetter und teilweiser Überforderung erlebte ich eine eindrückliche Woche und war überwältigt von all den Begegnungen, der faszinierenden Bergwelt und der herausfordernden, aber erfüllenden Arbeit mit den Tieren. Ich hatte Blut geleckt, trat der Solawi-Betriebsgruppe für die Alp Glivers bei und bekam so die Möglichkeit, Dinge, die mich an meinem Alpeinsatz gestört hatten, unmittelbar anzugehen.

Verlorene Gitzis wieder gefunden.

Unterwegs mit den Geissen

Zwei Jahre später erlebte ich einen Alpeinsatz, wie ich ihn mir gewünscht hatte. Die Tage waren im Ablauf immer gleich. Verändert wurden sie vom Wetter, den Launen der Tiere, den Begegnungen und natürlich von der eigenen Verfassung. Der Tag ging immer früh morgens los. In unserer Schlafkoje wurden mein Mit-Hirte und ich vom Glockengebimmel der Tiere geweckt. Wir zogen uns an, machten das Melkgeschirr parat, frühstückten und packten unseren Lunch für den Tag, den wir bis abends in den Bergen mit den Geissen verbringen würden. Danach zogen wir mit der bimmelnden Herde los – eine:r vorne und eine:r hinten. Sobald die Herde ihren ersten Fressrast hielt, ging eine:r der Hirt:innen zurück, wog die Milch und brachte sie mit dem E-Bike zur Nachbarsalp, wo sie verkäst wurde, sorgte danach für Ordnung in und um den Stall und kehrte dann zur Herde zurück. Manchmal waren die Geissen den ganzen Tag brav und wir konnten die Landschaft geniessen, ein Buch lesen oder ein Nickerchen halten. Manchmal wollten die Geissen partout an Orte, die verboten sind – weil sie beispielsweise Kühen vorbehalten sind. Manchmal liessen sie ihre Gitzis zurück und manchmal spielten sie gefährlich nahe an Autos. Eine Wundertüte.

Abends brachten wir die Tiere dann mehr oder weniger erfolgreich in den Stall – meist schafften wir es nicht, sie auf Anhieb für eine Heimkehr zu begeistern. Danach wurden die Geissen von den Gitzis getrennt und durchgezählt – hier durften wir auch schon mal wieder in die Höhe zurückkehren, weil zwei Gitzis den Abmarsch verpasst hatten. Einen wohlverdienten feinen Znacht gab es dann jeweils abends, zubereitet mit viel Liebe von Alpbäuerin Nadja und ihrem Mann David. Manchmal waren auch Gäste dort, denn die «Stalla da Glivers» ist auch eine Unterkunft für Wanderer:innen und andere Naturbegeisterte. Und am nächsten Tag ging dann alles wieder von vorne los.

 

Die «Bergsolawi Surselva»

2021 wurde die erste schweizweite Genossenschaft für eine solidarische Berglandwirtschaft gegründet. Dabei gehen Landwirt:innen und Genossenschafter:innen ein Vertragsverhältnis ein, das auf direkter Zusammenarbeit basiert. Solawi schafft Produktepreise ab und finanziert die Produkte durch kostendeckende Beiträge, was eine Risikoteilung ermöglicht und Produzent:innen entlastet. Im Produktekorb hat es Most, Gitzifleisch und Käse. Die Bergsolawi sucht neue Mitglieder und bietet ein Probeabo an.

https://bergsolawi.ch/


Kathrin Reimann, Geisshirtin der Bergsolawi Surselva.